In welchem Alter steckt man sich in Deutschland mit einer Geschlechtskrankheit an?
Die Antwort: Mitte 30, bei Gonorrhoe schon Mitte 20 – und die Fälle verschieben sich seit 2019 nach oben, immer öfter zu den über 50-Jährigen. Gonorrhoe, HIV, Syphilis: Das Erotikportal Erobella hat rund 84.000 Meldungen ausgewertet, die dem Robert Koch-Institut zwischen 2019 und 2025 übermittelt wurden.
Häufigste Altersgruppe, aber breit gestreut: Die Hälfte der Fälle ist jünger als 32 Jahre, die andere Hälfte älter. Achtung: Das RKI erfasst nur Erreger mit Antibiotikaresistenz, siehe Methodik.
Häufigste Altersgruppe bei Neudiagnosen. Median 39 Jahre. Die Infektion liegt bei HIV oft Jahre vor der Diagnose.
Häufigste Altersgruppen, Median 41 Jahre. Fast jeder dritte Fall betrifft inzwischen Menschen ab 50.
Das größte Risiko
Fallzahlen allein beantworten die Frage nach dem Risiko nicht, weil die Jahrgänge unterschiedlich groß sind: In Deutschland leben 6,7 Millionen 55- bis 59-Jährige, aber nur 4,9 Millionen 25- bis 29-Jährige. Rechnet man die Meldungen des Jahres 2025 auf 100.000 Einwohner der jeweiligen Altersgruppe um, wird das Bild eindeutig. Bei Syphilis ist das Risiko im Alter von 30 bis 34 Jahren am höchsten (25 Fälle pro 100.000 Einwohner dieser Altersgruppe), dicht gefolgt von 35 bis 39 Jahren (24) und 25 bis 29 Jahren (23). Bei HIV liegt das Risiko von 25 bis 44 Jahren auf einem Plateau (rund 9 Neudiagnosen pro 100.000), bei Gonorrhoe ist es im Alter von 25 bis 29 Jahren am höchsten. Zusammengenommen ist die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose zwischen 30 und 34 Jahren am größten, kaum geringer zwischen 25 und 29 sowie 35 und 39 Jahren.
Die Rechnung zeigt auch, wie stark die Demografie das Rohbild verzerrt: Ein 30- bis 34-Jähriger hat bei Syphilis ein 1,7-mal so hohes Risiko wie ein 55- bis 59-Jähriger und ein 2,6-mal so hohes wie ein 60- bis 64-Jähriger, obwohl die Gruppe der 55- bis 59-Jährigen in absoluten Zahlen fast so viele Fälle stellt wie die 25- bis 29-Jährigen. Ab 65 Jahren fällt das Risiko bei allen drei Krankheiten steil ab.
Tabelle: Bevölkerung je Altersgruppe und gemeldete Fälle pro 100.000 Einwohner (Alter in Jahren), 2025
| Alter in Jahren | Bevölkerung in Mio. | Syphilis | HIV | Gonorrhoe |
|---|---|---|---|---|
| 15–19 Jahre | 3,95 | 2,8 | 1,0 | 1,6 |
| 20–24 Jahre | 4,40 | 13,9 | 4,8 | 4,6 |
| 25–29 Jahre | 4,91 | 22,7 | 8,7 | 5,2 |
| 30–34 Jahre | 5,36 | 24,9 | 8,6 | 4,6 |
| 35–39 Jahre | 5,58 | 23,8 | 8,8 | 3,0 |
| 40–44 Jahre | 5,38 | 21,4 | 8,6 | 1,8 |
| 45–49 Jahre | 4,90 | 20,1 | 6,7 | 1,6 |
| 50–54 Jahre | 5,57 | 15,6 | 4,0 | 1,1 |
| 55–59 Jahre | 6,72 | 14,3 | 3,3 | 1,0 |
| 60–64 Jahre | 6,35 | 9,7 | 2,0 | 0,8 |
| 65–69 Jahre | 5,18 | 5,5 | 1,3 | 0,4 |
| 70+ Jahre | 13,53 | 1,7 | 0,4 | 0,1 |
Bevölkerungsbasis: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung nach Altersjahren zum 31. Dezember 2023 (Basis Zensus 2022), zusammengefasst zu Fünfjahresgruppen. Die Altersstruktur hat sich seither nur geringfügig verschoben; an der Rangfolge der Altersgruppen ändert das nichts. Gonorrhoe: nur Erreger mit Antibiotikaresistenz, daher niedrige Werte.
Die Altersverteilung im Detail
Anteil der gemeldeten Fälle je Altersgruppe. Die dunkle Säule markiert die häufigste Gruppe. Alle drei Diagramme nutzen dieselbe Skala, damit sich die Krankheiten direkt vergleichen lassen.
Gonorrhoe: Es gibt keine bundesweite Meldepflicht für alle Fälle, nur für Erreger mit verminderter Empfindlichkeit gegen bestimmte Antibiotika (seit März 2020). Die Altersverteilung dieser Teilmenge ist plausibel, die Fallzahl aber kein Maß für die tatsächliche Verbreitung.
Der Trend 2019 bis 2025: später, nicht früher
Wer die sieben Jahre nebeneinanderlegt, sieht bei allen drei Krankheiten dieselbe Richtung. Das Durchschnittsalter der gemeldeten Fälle steigt, der Anteil der unter 30-Jährigen sinkt. Bei Syphilis wächst vor allem die Gruppe ab 50: Ihr Anteil stieg von 26,6 auf 30,8 Prozent, die 60- bis 64-Jährigen haben ihren Anteil von 3,2 auf 6,4 Prozent verdoppelt. Bei HIV verschiebt sich das Gewicht dagegen in die Mitte: Die 30- bis 49-Jährigen stellen 2025 56 Prozent der Neudiagnosen, 2019 waren es 53 Prozent, während der Anteil der unter 30-Jährigen von 25 auf 22 Prozent fiel.
| Kennzahl | 2019 | 2020 | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Syphilis | |||||||
| Durchschnittsalter | 40,9 | 40,4 | 40,2 | 40,9 | 41,9 | 42,0 | 42,3 |
| Medianalter | 40 | 39 | 39 | 39 | 40 | 40 | 41 |
| Anteil unter 30 | 21,3 % | 21,5 % | 21,9 % | 20,3 % | 19,5 % | 19,8 % | 19,1 % |
| Anteil 30 bis 49 | 52,1 % | 52,7 % | 53,2 % | 52,0 % | 50,6 % | 50,0 % | 50,0 % |
| Anteil 50 und älter | 26,6 % | 25,8 % | 24,8 % | 27,6 % | 29,9 % | 30,2 % | 30,8 % |
| Fälle ab 15 Jahren | 7.906 | 7.386 | 6.731 | 8.306 | 9.109 | 9.467 | 9.594 |
| HIV-Neudiagnosen | |||||||
| Durchschnittsalter | 39,2 | 39,8 | 39,7 | 39,9 | 39,9 | 40,1 | 40,2 |
| Medianalter | 37 | 38 | 38 | 39 | 38 | 39 | 39 |
| Anteil unter 30 | 25,0 % | 22,7 % | 21,7 % | 19,4 % | 21,5 % | 21,1 % | 21,8 % |
| Anteil 30 bis 49 | 52,6 % | 53,5 % | 55,7 % | 60,1 % | 56,7 % | 57,0 % | 55,8 % |
| Anteil 50 und älter | 22,4 % | 23,8 % | 22,6 % | 20,6 % | 21,7 % | 21,9 % | 22,4 % |
| Fälle ab 15 Jahren | 3.117 | 2.456 | 2.240 | 3.219 | 3.293 | 3.246 | 3.120 |
| Gonorrhoe | |||||||
| Durchschnittsalter | – | 33,9 | 34,7 | 35,5 | 35,4 | 35,4 | 35,6 |
| Medianalter | – | 31 | 32 | 32 | 33 | 33 | 32 |
| Anteil unter 30 | – | 45,9 % | 39,6 % | 39,0 % | 40,3 % | 40,8 % | 39,1 % |
| Anteil 30 bis 49 | – | 40,7 % | 45,5 % | 43,1 % | 43,8 % | 43,3 % | 44,4 % |
| Anteil 50 und älter | – | 13,4 % | 14,9 % | 17,9 % | 15,9 % | 15,9 % | 16,5 % |
| Fälle ab 15 Jahren | – | 231 | 396 | 698 | 929 | 1.110 | 1.330 |
Gonorrhoe gestrichelt: erst ab März 2020 erfasst, 2020 ist ein Teiljahr mit 231 Fällen; die Werte sind entsprechend unsicher. HIV 2022: In diesem Jahr wurden viele HIV-Infektionen von aus der Ukraine geflüchteten Menschen erstmals in Deutschland gemeldet, die dort bereits diagnostiziert waren. Der Ausschlag bei den 30- bis 49-Jährigen ist deshalb zum Teil ein Meldeeffekt.
Was die Zahlen nicht sagen
Meldedaten sind die beste Quelle, die es in Deutschland zu diesem Thema gibt. Sie haben trotzdem Grenzen, die für die Interpretation wichtig sind.
Alter bei Diagnose, nicht bei Ansteckung
Gemeldet wird das Alter zum Zeitpunkt der Meldung. Bei Syphilis und Gonorrhoe liegen Ansteckung und Diagnose meist nah beieinander, bei HIV oft Jahre auseinander. Das tatsächliche Ansteckungsalter bei HIV ist also jünger, als die Kurve zeigt.
Fallzahlen sind nicht Risiko pro Kopf
Die Jahrgänge um 55 bis 60 sind in Deutschland deutlich stärker besetzt als die um 20 bis 30. Ein Teil der Verschiebung nach oben ist deshalb Demografie. Pro 100.000 Einwohner gerechnet liegt das Risiko bei den 25- bis 39-Jährigen klar am höchsten, siehe den Abschnitt zum größten Risiko.
Wer getestet wird, wird gefunden
Menschen, die HIV-Prophylaxe (PrEP) nutzen, werden alle drei Monate auf Geschlechtskrankheiten getestet. Häufigere Tests bedeuten mehr Diagnosen in dieser Gruppe, unabhängig davon, wie sich das Risiko verändert hat. In den Corona-Jahren 2020 und 2021 wurde umgekehrt weniger getestet.
Gonorrhoe wird nur zum Teil erfasst
Seit 2001 gibt es keine bundesweite Meldepflicht mehr für Gonorrhoe. Eine 2022 beschlossene neue Meldepflicht ist noch nicht umgesetzt, weil das elektronische Meldesystem fehlt. Die hier gezeigten Fälle sind ausschließlich Erreger mit Antibiotikaresistenz.
Methodik
- Datenquelle
- Robert Koch-Institut, SurvStat@RKI 2.0. Meldungen nach § 7 Abs. 3 Infektionsschutzgesetz (nichtnamentliche Labormeldungen direkt an das RKI) für Syphilis, HIV-Infektion und Neisseria gonorrhoeae mit verminderter Antibiotika-Empfindlichkeit. Abfrage im September 2026 in Einjahres-Altersintervallen.
- Datenbasis
- Meldejahre 2019 bis 2025. Syphilis 58.852 Fälle, HIV 20.939 Fälle, Gonorrhoe 4.710 Fälle (2020 bis 2025). Das Meldejahr 2025 ist das jüngste; Nachmeldungen können die Zahlen noch leicht verändern. Ausgewertet wurden Fälle ab 15 Jahren; Fälle unter 15 (meist bei der Geburt übertragen) und ohne Altersangabe bleiben außen vor.
- Kennzahlen
- Anteile je Fünfjahres-Altersgruppe, Durchschnitts- und Medianalter sowie die Anteile unter 30, 30 bis 49 und ab 50 Jahren. Der Median teilt die Fälle in eine jüngere und eine ältere Hälfte; er liegt bei schiefen Verteilungen unter dem Durchschnitt, weil einzelne sehr alte Fälle den Durchschnitt nach oben ziehen. Fälle ab 80 Jahren gehen mit 80 in die Berechnung ein.
- Risiko pro Kopf
- Für die Umrechnung auf 100.000 Einwohner wurden die Meldungen 2025 je Fünfjahresgruppe durch die Bevölkerung derselben Altersgruppe geteilt. Bevölkerungsdaten: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung nach Altersjahren, Stand 31. Dezember 2023 auf Basis des Zensus 2022; die Gruppe 70+ umfasst alle ab 70 Jahren.
- Was das RKI zählt
- HIV: neu gemeldete Erstdiagnosen, keine geschätzten Neuinfektionen und keine Gesamtzahl der Menschen mit HIV. Syphilis: neu diagnostizierte, behandlungsbedürftige Infektionen einschließlich Reinfektionen. Durch Nachmeldungen können sich Fallzahlen nachträglich ändern.
Testen lassen
Die meisten Geschlechtskrankheiten sind heilbar oder gut behandelbar, wenn sie früh erkannt werden. Anlaufstellen für Tests, oft anonym und kostenlos:
- Gesundheitsämter, viele mit anonymen HIV- und STI-Tests
- Checkpoints und Beratungsstellen der Deutschen Aidshilfe
- Hausarztpraxen, Urologie, Gynäkologie und Dermatologie
- Informationen zu Symptomen, Schutz und Tests bei liebesleben.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit)
Wer wechselnde Partnerinnen oder Partner hat, sollte sich mindestens einmal im Jahr auf HIV, Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien testen lassen.