Datenanalyse
In Bremen hat sich die Zahl erfasster queerfeindlicher Straftaten binnen eines Jahres mehr als verdoppelt, in Nürnberg ist sie um ein Drittel gesunken. Ein Städtevergleich auf Basis von Zahlen, die Erobella direkt bei den zuständigen Behörden angefragt hat.
Wer wissen will, wie sich queerfeindliche Gewalt in einer deutschen Stadt entwickelt, findet dazu keine zentrale Datenbank. Es gibt keine Behörde, die diese Zahlen bundesweit nach Städten aufgeschlüsselt veröffentlicht. Wer es genau wissen will, muss einzeln nachfragen.
Das hat die Redaktion von Erobella getan: Anfragen an die Pressestellen deutscher Großstädte, mit der Bitte um die Fallzahlen queerfeindlicher Straftaten für 2024 und 2025. Diese erste Auswertung zeigt den Stand nach der ersten Antwortrunde — sieben Städte haben vollständig geantwortet, weitere Anfragen laufen.
Der Artikel wird aktualisiert, sobald neue Zahlen eintreffen.
Der Begriff bezeichnet kein eigenes Delikt, sondern ein Motiv. Die Polizei stuft eine Tat als queerfeindlich ein, wenn sie sich nach Einschätzung der Ermittelnden gegen eine Person richtete, weil diese aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität als Teil der queeren Community wahrgenommen wurde.
Erfasst wird das unter dem Sammelbegriff „Politisch motivierte Kriminalität" (PMK), genauer in der Kategorie „Hasskriminalität". Als Bezugspunkt zählt die Statistik „sexuelle Orientierung", ergänzt um „geschlechtsbezogene Diversität" für Taten gegen trans, inter oder nichtbinäre Personen — dieselbe Unterscheidung, die auch im Rohdatensatz dieser Recherche auftaucht.
Das Spektrum reicht von Beleidigung und Volksverhetzung über Bedrohung und Sachbeschädigung bis zu Körperverletzung. Entscheidend ist nicht die Art der Tat, sondern das von der Polizei angenommene Motiv — eine Einschätzung, die auch von der Aufmerksamkeit der jeweils aufnehmenden Dienststelle abhängt.
Nicht jede Stadt weist diese Zahlen überhaupt gesondert aus. Stuttgart und Dortmund etwa teilten mit, queerfeindliche Straftaten nicht separat zu erfassen oder herauszugeben.
Bundesweiter Vergleichswert 2025
2.377
Fälle mit queerfeindlichem Hintergrund — 2024 waren es 2.107, ein Plus von 12,8 Prozent.
Absolut betrachtet liegt Berlin mit 544 Fällen 2025 mit deutlichem Abstand vor allen anderen Städten im Sample, vor Hamburg, Köln und München. Bei der Entwicklung gegenüber 2024 zeigt sich kein einheitliches Bild: Vier Städte melden mehr Fälle, drei weniger.
Queerfeindliche Straftaten nach Stadt, 2024 vs. 2025
Sortiert nach Fallzahl 2025 · absolute Zahlen
Quelle: Direktanfragen von Erobella bei den zuständigen Behörden, 2024/2025.
| Stadt | 2024 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Berlin | 579 | 544 | −6,0 % |
| Hamburg | 149 | 166 | +11,4 % |
| Köln | 79 | 91 | +15,2 % |
| München | 92 | 90 | −2,2 % |
| Bremen | 26 | 60 | +130,8 % |
| Nürnberg | 22 | 15 | −31,8 % |
| Bielefeld | 2 | 4 | +100 % |
| Bundesweit | 2.107 | 2.377 | +12,8 % |
| Polizeilich erfasste Straftaten mit queerfeindlichem Hintergrund (Sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Diversität). Quelle: Direktanfragen von Erobella bei den zuständigen Behörden. | |||
Berlin ist mit einem Rückgang von 579 auf 544 Fälle die Stadt, deren Entwicklung sich in absoluten Zahlen am stärksten bemerkbar macht: 35 Fälle weniger wiegen dort schwerer als der auf den ersten Blick dramatische Sprung bei kleineren Städten. Den stärksten Zuwachs unter den übrigen Städten meldet Bremen, wo sich die Fallzahl von 26 auf 60 mehr als verdoppelt hat. Köln und Hamburg — beides Städte mit etablierter queerer Szene und entsprechend sichtbarer Community — verzeichnen zweistellige prozentuale Anstiege bei bereits hohen Ausgangswerten. Berlin, München und Nürnberg sind die einzigen Städte im Sample mit rückläufigen Zahlen. Ob das eine tatsächliche Entspannung widerspiegelt oder ein verändertes Meldeverhalten, lässt sich aus den reinen Fallzahlen nicht ablesen.
Grundsätzlich gilt für alle Zahlen in dieser Recherche: Es handelt sich um polizeilich erfasste Fälle. Wie bei den meisten Formen vorurteilsmotivierter Kriminalität ist von einem Dunkelfeld auszugehen — nicht jeder Vorfall wird angezeigt oder als queerfeindlich motiviert erfasst. Die gezeigten Trends beschreiben die Entwicklung der gemeldeten und erfassten Fälle, nicht zwingend die der tatsächlichen Vorfälle insgesamt.
Die Redaktion von Erobella hat die Pressestellen deutscher Großstädte direkt angeschrieben und um die Fallzahlen von Straftaten mit queerfeindlichem Hintergrund (Sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Diversität) für die Jahre 2024 und 2025 gebeten. Angeschrieben wurden dabei jeweils die zuständigen Polizeidirektionen beziehungsweise Pressestellen der Polizei vor Ort — die Zahlen in dieser Recherche stammen aus diesen Direktanfragen, nicht aus einer zentralen Bundesstatistik.
Der bundesweite Vergleichswert (2.107 / 2.377) dient als Einordnungsgröße für die Gesamtentwicklung und wird in künftigen Teilen dieser Serie weiter eingeordnet, sobald mehr Städte vorliegen.
Diese Recherche wird als lebendes Dokument geführt: Sobald weitere Städte antworten, aktualisieren wir Diagramm und Analyse.